Wer steckt hinter der Kamera?
- 29. März
- 9 Min. Lesezeit
Vorwort Die Frage: Wer steckt hinter er Kamera? ist vermutlich eine der wichtigsten. Erstklassige Erinnerungen entstehen, wenn die Chemie stimmt. Das hat sich auch das Haus der Tiere in Opfershofen TG gedacht und mich kurzerhand mit ganz spannenden Fragen konfrontiert: Interview mit unserer Tierfotografin by Haus der Tiere
Magst du dich unseren Leser:innen kurz vorstellen?
Ich heisse Susan, komme ursprünglich aus der Slowakei und lebe seit Jan. 2014 in der Schweiz. Bin seit 2021 als selbständige Fotografin unterwegs, Frauchen von zwei grossartigen Huskys, liebe Tiere und bin sehr aktiv.
Wie bist du zur Tier- bzw. Hundefotografie gekommen?
Durch Liebe zu Tieren und meine Hunde. Fotografiert habe ich schon seit meiner Jugend, war immer mein Hobby. Auch bei mir zuhause hängen überall Bilder und so wollte ich auch meine zwei Hunde verewigen und grosse Bilder an die Wand aufhängen. Dazu war halt eine Kamera nötig und da habe ich angefangen auszuprobieren und gemerkt, wie schön das ist und wie sehr dies Spass macht.
Gab es einen bestimmten Moment oder einen Hund, der dich besonders geprägt hat?

Ja. Meine eigene Hündin Ivy. Ich habe sie adoptiert, da war sie schon 7 Jahre alt und sehr krank, gesundheitlich wurde sie sehr vernachlässigt. Die ganzen Abklärungen beim TA, alle Untersuchungen und die Suche nach der Ursache und anschliessend die Diagnose Asthma. Sie ist jetzt stolze 12 Jahre alt, zudem kamen noch Arthrose und Inkontinenz und sie hat trotzdem ihren Elan und Freude und Willen. Sie hat mir beigebracht, dass man immer Freude am Leben finden kann, auch wenn es einem nicht so gut geht. Sie ist ein Sonnenschein, der kämpft, weil sie noch bei mir sein will. Und das prägt und berührt mich sehr.
2. Spezialisierung auf sensible Hunde durch Angst oder Alter
Du bist bekannt für deinen besonderen Umgang mit ängstlichen oder unsicheren Hunden. Was ist dabei aus deiner Sicht am wichtigsten?
Geduld und Ruhe aufbewahren. Sich nicht dem Hund aufzwingen, sondern mit Geduld zeigen, dass er auf dich zukommen kann. Ihm Freiraum lassen.
Woran erkennst du frühzeitig Stress, Aufregung oder Unsicherheit bei einem Hund, den du vermutlich nicht kennst?
Da es mich schon immer sehr interessiert hat, was die Körpersprache bei einem Hund bedeutet, habe ich viele Seminare über Körpersprache und Kommunikation besucht. Da habe ich gelernt, was das heisst, wenn die Rute versteckt oder steif ist, verschiedene Bewegungen mit den Ohren, Hecheln etc. Ich kläre schon beim ersten Gespräch vor dem Fotoshooting mit dem Besitzer ab, was für ein Wesen der Hund hat und ob er eine Vorgeschichte hat. Und sehe auch, wenn ein Hund aus dem Auto aussteigt, an seinem Verhalten, ob da Stress, Neugier, Angst oder sonst etwas anderes ist.
Wie schaffst du es, Vertrauen aufzubauen – auch bei sehr sensiblen Tieren?
Mit seeeeeeeehr viel Leckereien und wie schon erwähnt Geduld und Ruhe.
Gibt es Dinge, die du bei solchen Shootings grundsätzlich vermeidest?
Definitiv. Keine hektischen Bewegungen, nicht zu laut werden (manchmal freue ich mich über ein sehr gelungenes Bild und da darf ich nicht vor Freude springen). Wichtig ist auch, die Foto-Location dem Hund anzupassen. Einen Platz finden, wo sehr wenig oder gar nichts los ist, damit wir wirklich Ruhe haben.
3. Ablauf eines Shootings
Wie läuft ein Fotoshooting bei dir typischerweise ab – vom ersten Kontakt bis zum fertigen Bild?
Wenn ein Hundebesitzer mit mir Kontakt aufnimmt, besprechen wir zuerst alles. Was sind die Vorstellungen, was der Hund kann, wie er vom Charakter her so ist, welche Location passen würde etc. Dann suchen wir gemeinsam ein Datum, das für beide passt, plus ein Ersatzdatum, falls es am ersten wettertechnisch, krankheitsbedingt oder wegen anderen Umständen doch nicht geht. Danach folgt der grosse Tag – das Fotoshooting. Wir treffen uns am abgemachten Ort und lernen uns zuerst ein bisschen kennen. Ich lege nie sofort mit der Kamera los, gebe zuerst ein bisschen Zeit zum Ankommen, das ist wichtig für Mensch sowie für das Tier. Oft fangen wir dann mit Actionbildern an, damit der Hund auch toben und Spass haben kann, anschliessend leichtes Posing, je nachdem, was der Besitzer gern möchte. Wenn ich nach Hause komme, mache ich mich an die Arbeit, als Erstes sichere ich alle Bilder 2-fach und mache eine Auswahl, die ich an den Kunden schicke, damit er sich seine Favoriten aussuchen kann. Sobald der Kunde fertig ist, fange ich an, seine Favoriten zu bearbeiten: Licht, Retuschen (z. B. die Leine), störende Elemente entfernen etc. Dafür brauche ich immer ein paar Tage, ich schaue mir die Bilder jeden Tag an und sobald alles passt, geht die fertige Galerie und die Rechnung an den Kunden.
Was passiert, wenn ein Hund an einem Tag einfach nicht fotografiert werden möchte?
Es ist mir tatsächlich noch nie passiert, der einzige, der da hin und wieder solche Launen hat, ist mein eigener Hund, Rüde Arlo. Wenn er keine Lust hat, lasse ich es sein. Sonst geht es eigentlich immer, da das Shooting für einen Hund mit Spass verbunden ist, sind sie schnell gerne dabei. Falls so etwas aber vorkommen würde, brechen wir ab und treffen uns an einem anderen Termin. Das ist selbstverständlich. Auch Tiere haben mal einen schlechten Tag, fühlen sich unwohl oder es kann auch sein, dass die ausgesuchte Location nicht passt. Da bin ich immer flexibel und es ist klar, dass wir mit dem Besitzer nach anderen Möglichkeiten suchen.
Hat dir ein Hund den Ablauf schon mal komplett durcheinandergebracht?
Klar. Man kann sich nie darauf verlassen, dass alles wie geplant funktioniert. Deswegen plane ich auch keinen genauen Ablauf. Ich weiss aus dem Erstgespräch ungefähr, wie der Hund ist, was gehen könnte und was definitiv nicht geht und das reicht mir. Der Rest ist ein bisschen spontan vor Ort. Da sehe ich, was wir machen könnten, habe immer ein paar Ideen im Kopf und entscheide dann erst an dem Tag, was wir eventuell umsetzen können. Es hängt nicht nur vom Hund und Besitzer ab, sondern auch vom Licht und Wetter an dem Tag. Also alles zu 100 % planen ist da fast nicht möglich. Ein Fotograf muss auch eine gewisse Spontanität mitbringen.

4. Rolle der Halter:innen
Welche Rolle spielen die Halter:innen während des Shootings?
Sie sind ein Teil der gemeinsamen Geschichte, die wir durch die Bilder verewigen wollen. Natürlich sollte ein Hundebesitzer auch Unterstützung und der Ruhepol seines Hundes sein. Er kennt ihn am besten und weiss, wenn etwas nicht passt. Also spielt er eine sehr grosse Rolle, sowie in einem Hundeleben allgemein.
Wie können Menschen ihren Hund bestmöglich unterstützen?
Das ist unterschiedlich, es kommt immer auf den Hund an. Leckerlis und Spielzeuge sind natürlich immer willkommen und gewünscht, meine Fotoshootings sollen für Hund und Mensch an erster Stelle Spass machen. Dadurch entstehen die schönen, natürlichen Bilder. Sobald ein Hund sieht, sein Besitzer ist entspannt und hat Spass, lässt er sich gut damit anstecken.
Unter uns: Wir wissen vom Hundetraining her, dass meist der Halter den Stress mitbringt – ist das bei den Fotoshootings auch so?
Absolut. Oft sind die Halter nervös, weil sie denken, dass sie vor der Kamera nicht gut rüberkommen oder unsicher sind, ob der Hund mitmacht, oder sie hatten vielleicht in letzter Zeit viel Stress etc. Das spiegelt sich alles im Hund und nachher auch auf den Bildern. Da kommt aber meine offene, humorvolle Art ins Spiel. Ich probiere dem Halter zu zeigen, dass er keine Angst haben muss. Wir unterhalten uns und spazieren ein bisschen, bevor ich die Kamera auspacke und dass ich, wie oben erwähnt, keine klaren Erwartungen habe. Weil am Schluss wichtig ist, sie so rüberzubringen, wie sie wirklich sind. Ich vergleiche die Fotoshootings auch nicht, denn jeder Mensch, wie auch jeder Hund, ist anders. Ich gebe mir immer Mühe, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen. So ist auch jedes Fotoshooting spannend und speziell.
5. Fotografie & Technik
Welche Bedeutung hat Technik im Vergleich zum richtigen Moment?
Beides ist wichtig, gute Technik ist wichtig, um den richtigen Moment zu erwischen. Wenn ich es sehe, muss ich schnell reagieren können, da spielt die Technik eine grosse Rolle. Für den richtigen Moment muss man immer die Augen offenhalten. Oft sind das Sekunden oder nur ganz kleine Sachen.
Arbeitest du eher intuitiv oder mit klaren Bildideen?
Sowohl als auch. Ich lasse mich gerne inspirieren und probiere gerne aus, habe immer ein paar Ideen im Kopf, setze aber nur das um, was möglich ist. Ich beobachte immer den Hund und sobald ich sehe, so wie er jetzt sitzt, liegt oder etwas anderes macht, denke ich: oh, das könnte ein cooles Foto geben – und bin sofort bereit.
Warum entstehen deiner Erfahrung nach oft die besten Bilder zwischen den eigentlichen Aufnahmen?
Sogenannte Schnappschüsse sind immer spannend. Da sich vor allem die Menschen da nicht so beobachtet fühlen, sind sie oft viel entspannter und das sieht man natürlich auf den Bildern.
6. Geschichten aus der Praxis
Gab es ein Shooting, das dich besonders berührt hat?
Von jedem Fotoshooting gehe ich sehr positiv geladen nach Hause. Jedes berührt mich anders. Die verschiedenen Hunde und ihre Besitzer kennenzulernen, die Beziehung zwischen ihnen zu sehen – das packt mich immer ans Herz.
Ein Hund, der dich überrascht oder sehr gefordert hat?
Ein Hund, den Fremde nicht anfassen durften. Er mochte keine fremden Menschen, war aber wie ein Bär zum Knuddeln und es war für mich innerlich ein grosser Kampf, ihn nicht mit Streicheleinheiten oder Leckerlis belohnen zu dürfen, wenn er schön gesessen ist oder sonst gut mitgemacht hat. Das hat mich sehr gefordert. Und überrascht hat mich, dass der Hund, obwohl ständig eine fremde Person um ihn herum war, sehr gut entspannen konnte. Und obwohl der Halter sagte, sein Hund schaut nie in die Kamera, habe ich es trotzdem geschafft, natürliche und schöne Aufnahmen zu machen, bei denen er viel in die Kamera geschaut hat. Ich war sehr stolz darauf und der Halter hatte auch sehr grosse Freude und sagte, dass wir sogar die Erwartungen übertroffen haben.
Gibt es ein Bild, das für dich eine ganz besondere Geschichte erzählt? Wenn ja, warum, was steckt dahinter?Ja. Es ist eine in meinen Augen sehr herzige, lustige Geschichte:

Ich hatte im April 2025 einen süssen Labi fotografiert und er hat toll mitgemacht. Dadurch hat er mich und meine Kamera mit Spass und vielen Leckerlis verbunden. Es sind auch sehr viele schöne Aufnahmen entstanden. Ein halbes Jahr später, bei einer Mini-Shootings-Aktion, haben die zwei wieder mitgemacht. Da wusste der Labi natürlich, was auf ihn zukommt, sobald er mich mit der Kamera gesehen hat. Er war so konzentriert, immer nur bei mir und hat in die Kamera geschaut, als wäre ich ein grosses Leckerli. Er hat sich von nichts ablenken lassen, obwohl ihn sonst meistens die ganze Welt interessiert – er war wie gefroren. Schon das fanden wir sehr lustig und herzig. Als ich seiner Halterin sagte, sie solle ihn ansprechen, damit sie sich anschauen, da gibt es sicher ein schönes Bild, hat der Labi überhaupt nicht reagiert. Die Halterin hat alles versucht: mit dem Namen angesprochen, angefasst, verschiedene Geräusche gemacht – der Hund hat immer noch nur und nur zu mir in die Kamera geschaut. Irgendwann kam ein Moment, in dem sie aufgegeben hat und ihren Kopf auf ihn gelegt hat. Da entstand das Foto, das momentan zu meinen Lieblingen gehört.
7. Haltung & Werte
Was bedeutet für dich tiergerechte Fotografie?
Das Tier soll Spass haben. Motivation durch Spiel, Leckereien und Freude. Kein Zwang, kein Schreien, kein Stress.
Gibt es Situationen, in denen du bewusst ein Shooting oder eine Anfrage ablehnst? Welche sind das?
Ist mir zwar noch nie passiert. Aber wenn ich das Gefühl hätte, dass es zwischen dem Halter und mir angespannt ist. Nicht jeder Mensch passt zu jedem Menschen. Oder wenn ich merken würde, dass das Tier nicht artgerecht gehalten wird. Da kann ich nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.
8. Tipps für Leser:innen
Dein wichtigster Tipp für Menschen mit ängstlichen oder unsicheren Hunden?
Alle Besitzer haben es verdient, die Möglichkeit zu bekommen, sich mit ihrem Vierbeiner verewigen zu lassen. Denn sie lieben ihre Hunde, egal was für ein Wesen sie haben. Die Halter brauchen keine Angst zu haben und einfach anrufen und fragen. Fragen kostet ja nichts. Ein guter Tierfotograf, der sich mit Hunden auskennt, ist in der Lage, auch ängstliche Hunde zu fotografieren. Dazu hat man auch Objektive, mit denen man zoomen kann, also mit genügend Abstand fotografieren kann. Alles kann man besprechen und gemeinsam eine Lösung finden. Einfach nur anrufen und fragen. Und auch wenn ein Hund nicht ohne Leine sein kann, ist es wichtig zu wissen, dass das kein Problem ist. Die kann man gut wegretuschieren. Ich kann meinen Rüden auch nicht ableinen und trotzdem haben wir schöne Bilder. Das ist auch oft etwas, was eventuell Hundebesitzer beschäftigt.
Was sollten Hundemenschen wissen, bevor sie ein Fotoshooting buchen?Dass es nicht immer möglich ist, Bilder, die sie vielleicht auf Social Media gesehen haben, umzusetzen.
Wie gelingt ein tolles Foto auch mal zuhause?
Oft sehe ich, wenn jemand auf Social Media ein Bild von seinem Hund postet, dass Pfötchen oder Ohren abgeschnitten sind. Man nimmt entweder den ganzen Hund oder einen sogenannten Portrait-Ausschnitt, der etwa bis zum Brustkorb geht. Mit Leckerlis oder Spielzeug oberhalb der Handykamera schaut der Hund auch schön hin.
Was möchtest du unseren Leser:innen abschliessend mitgeben?Mich für das Lesen des ganzen Interviews zu bedanken. 😀 Und nur sagen: Geniesst jede freie Minute mit eurem Vierbeiner, die ihr könnt. Sie sind leider viel zu kurz bei uns. Macht von jedem Augenblick ein Foto, egal ob mit Handy oder Kamera. Erinnerungen kann man nie genug haben!


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